Kaiser, König, Bettelmann – deutsche Essgewohnheiten

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„Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann“

So lernte ich es bereits als Kind von meiner Oma und auch meine Mutter legte großen Wert darauf, dass wir Kinder ausgiebig frühstückten. In der Regel deckte sie schon am Vorabend den Frühstückstisch komplett ein. Immer gab es eine frische Tischdecke, dann für jeden Platz ein Platzdeckchen. Darauf kam ein kleiner Teller, manchmal mit einer kleinen Schüssel für Müsli darauf. Rechts neben dem Tellerchen lag ein Messer, dessen Schnittfläche Richtung Teller zeigte und daneben lag manchmal ein Löffel. Auch für meine Schwester, die Linkshänderin ist, lag das Besteck auf der rechten Seite. Rechts oberhalb des Tellerchens stand ein noch kleinerer Teller, die Untertasse, und darauf stand eine Tasse und lag ein Teelöffel.  Links oberhalb des Tellers stand ein Glas. Manchmal stand daneben dann auch noch ein Becher Fruchtjoghurt.

Abends mischte meine Mutter oft schon ein Müsli aus Haferflocken, geraspelten Karotten, Äpfeln,  Ananasstückchen oder Mandarinchen aus der Dose, ein paar gehackten Nüssen und Milch. Am nächsten Morgen stellte sie dann die Schüssel mit auf den Tisch neben den Brotkorb, der wenigstens zwei Brotsorten enthielt. In verschiedenen schönen, extra dafür angefertigten Schälchen und Döschen hatte sie Marmeladen und Honig eingefüllt. Die gute Butter war auf der Butterschale. Es gab einen Teller mit verschiedenen Käsescheiben und einen Teller mit Wurstscheiben. Manchmal gab es auch Schokostreusel oder Nussnougatcreme. Auch unsere Butterbrotsdosen mit schon fertig geschmierten und belegten Schulbroten standen auf dem Tisch. Wir Kinder tranken zunächst Kakao, später dann Carokaffee und dann Kaffee.

Unter der Woche kamen wir nacheinander an diesen gedeckten Tisch und am Wochenende traf sich die ganze Familie dort zum Frühstück. Selbst mein Vater kam dann dazu, obwohl er nicht frühstückte. Oft murrten wir Kinder auf und wollten lieber länger schlafen. Doch einer von uns musste sogar zum Bäcker laufen und frische Brötchen kaufen. Sonntags kochte meine Mutter uns  ein Frühstücksei, seltener auch mal Spiegeleier oder Rührei. Was wir Kinder als lästiges Pflichtprogramm empfanden hatte den Sinn, gut in den Tag zu starten und sich stärken zu können, bevor es in die Schule ging. Unsere kleinen Körper  sollten Zeit zum Wachwerden haben und eine ausgewogene Basis für den bevorstehenden Tag bekommen.

Als ich dann Kinder hatte, blieb das gemeinsame Frühstück dem Wochenende vorbehalten, dass dann oftmals auch gemeinsam mit Freunden eingenommen wurde und in ein Brunch überging. Meine Kinder frühstückten zunächst im Kindergarten und später dann fiel es ihnen schwer vor der Schule etwas zu sich zu nehmen. Und ich hatte es morgens selber immer eilig, musste zur Uni bzw. später arbeiten gehen. Schnell ging es dann dazu über, dass sich in der Woche jeder von uns morgens selbst versorgen musste. Das Umfüllen von Marmeladen in dekorative Behälter blieb aus und das Stofftischtuch wurde von einem praktischen Wachstuch ersetzt, dass dann auch irgendwann wegblieb.  Aber die reiche Auswahl blieb erhalten. Das Müsli machte im Laufe der Jahre viele Wandlungen durch. Cornflakes kamen dazu und auch die Auswahl an Aufschnitt änderte sich. Selbstverständlich gehörten auch ein Teller mit geschnittenem Obst und ein Rohkostteller zu unserem Frühstück sowie frisch gepresster Orangensaft und Nutella.

Das zweite Frühstück war dann in der Regel zwischen 09:00 Uhr und 10:00 Uhr in der ersten großen Pause in der Schule, aber auch an meinem Arbeitsplatz war anfangs eine kleine Pause dazu eingeplant.

Das Mittagessen

Wir Kinder kamen je nach Alter zwischen 12:00 Uhr und 14:30 Uhr aus der Schule.  Auch dann war bereits der Tisch eingedeckt. Auf jedem Platzdeckchen stand ein großer flacher Teller. Rechts davon lag das Messer, dessen Schneide nach Innen zeigte und links lag die Gabel mit den Zinken nach oben. Rechts oberhalb des Tellers stand ein Glas und links oberhalb des Tellers oftmals ein Schälchen für Salat. Gelegentlich lag auch oberhalb des Tellers ein Teelöffel mit dem Griff nach rechts. Dann freuten wir uns, denn es würde einen süßen Nachtisch geben. Manchmal erwartete uns aber auch statt des flachen Tellers ein tiefer Teller. Rechts neben ihm lag dann ein Löffel oder ein Messer und ein Löffel.

Die Speisen befanden sich aber in der Küche. Auf dem Herd oder im Backofen wurden sie in Töpfen warmgehalten. Nur die Schüssel mit Salat stand schon auf dem Tisch bzw. hatte meine Mutter diesen bereits auf die Schälchen neben den Tellern aufgeteilt. Wenn meine Mutter zu Hause war, füllte sie uns die Teller auf, ansonsten gingen wir selbst in die Küche und bedienten uns. In der Regel gab es Salz- oder Pellkartoffel, weich gekochtes Gemüse in weißen Saucen und ein Stück Fleisch oder Wurst. Am Freitag aßen wir Fisch oder eine Eierspeise. Manchmal gab es auch Gabelnudeln mit Tomatenhackfleischsauce und sehr sehr sehr selten war es auch einmal Reis. Erst Ende der 1970ziger Jahre kamen regelmäßig exotische Sachen bei uns auf den Mittagstisch, wie Auberginen oder Zucchini, gebackener Blumenkohl und Spaghetti. Wenn meine Mutter einen tiefen Teller eingedeckt hatte, dann gab es Eintopfgerichte oder Suppen, manchmal aber auch Milchreis mit Zimtzucker oder warmen Schokoladenpudding.

An den Wochenenden fuhren wir oft zu meinen Großeltern, wo wir uns mit anderen Familienmitgliedern zum Essen trafen oder wir machten Ausflüge bei denen wir Brote und Salate in unseren Rucksäcken dabei hatten. Blieben wir zu Hause war es häufig mein Vater, der am Wochenende kochte. Das war aber selten eine Entlastung für meine Mutter, weil er ihr in der Küche immer ein „Schlachtfeld“ zwischen Töpfen,  Schüsseln, Gewürzen und Saucen zurück ließ. Er war experimentierfreudig. Unvergessen bleibt seine Schokoladensauce, die wohl nur ich mochte oder der versalzene Eintopf. Wir Kinder versuchten ihn mit Limo genießbar zu machen, was aber misslang. In der Regel gab es sonntags ein Dreigänge-Menü: Zunächst eine Hühner- oder Rinderboullion mit Einlage, dann einen Braten mit Kartoffeln und Gemüse und zum Abschluss am liebsten Eis. Ein bei uns Kindern beliebtes Sonntagsessen war ein gebratenes Hähnchen für 5 Personen mit selbstgemachten Pommes Frites und Blattsalat. Wir drei Kinder kloppten uns gerne um die zwei Hähnchenschenkel, die Flügelchen mochte keiner. Nach dem Essen konnten wir dann wieder Spielen gehen und wurden nur bei besonderen Anlässen zum Nachmittagskuchen wieder zusammengerufen.

Mit meinen eigenen Kindern war es sehr schnelle anders. Es gab diese geregelte Mittagsmahlzeit nicht mehr.  Meine Kinder besuchten die Kindertagesstätte und den Hort und aßen dort zu Mittag. Ich aß in der Mensa oder später am Arbeitsplatz im Restaurant. Und an den Wochenenden frühstückten wir oft so spät und ausgiebig, dass das klassische Mittagessen ausfiel. Es etablierte sich so ein Nachmittagsessen oder aber wir snackten zwischendurch und aßen dann abends zusammen etwas Warmes. Da wir mit vielen Familien in einer Mietergemeinschaft lebten, war es üblich, dass häufig die Nachbarskinder und Freunde meiner Kinder mit bei uns zu Tisch waren oder meine Kinder in der Nachbarschaft mit aßen. Ich grillte häufig auf unserer Dachterrasse und am Wochenende machten wir oft ein Picknick mit Grill im Garten, im Park oder am Badesee. In der Regel waren Freunde mit dabei. Aber wichtig war es auch mir, dass wir uns wenigstens einmal am Tag zusammen zu einem guten Essen am Küchentisch trafen. Im Sommer aßen wir oft auf der Dachterrasse. Wenn es  zu viele verschiedene Beilagen gab, die der Tisch nicht fassen konnte oder wir viele Personen waren, dann breitete ich immer Tücher im Wohnraum auf dem Boden aus, um die sich alle setzten, und ich deckte darauf alles auf.

Das Abendessen

Das Abendessen heißt ja auch Abendbrot. Und in meiner Kindheit war es das auch, ein Abendbrot. Wenn wir Kinder nicht draußen spielten, war es unsere Aufgabe, den Tisch zu decken. Es kamen wieder die kleinen Teller oder aber Brettchen auf die Platzdeckchen. Dazu das Messer und manchmal noch eine Gabel. Zum Brot gab es Wurst und Käse, gelegentlich auch Fisch in Saucen, hartgekochte Eier und eingelegte Gurken. Manchmal gab es aber auch Bratkartoffel oder einen Kartoffelsalat. Zu trinken gab es warmen Tee, den ich selten mochte. Es waren diese Aufgussbeuteltees Kamille, Pfefferminze, Hagebutte oder Früchtetee. Einer schmeckte scheußlicher als der andere. Alles in allem habe ich das Abendessen nicht so in Erinnerung. Es war zumindest für mich wohl nicht so bedeutsam oder ich war einfach schon immer so müde, dass ich es gar nicht so ganz mitbekam.

Wie ich es schon oben erwähnte wurde dann in meinem Haushalt das Abendessen zur wichtigsten Mahlzeit am Tag, bei der die ganze Familie zusammen kam. Oft hatte ich deshalb mit dem Essen gewartet, bis auch das letzte Kind beispielsweise nach dem Sport nach Hause gekommen war. In der Regel hatte ich etwas gekocht. Die Hauptbeilage waren selten Kartoffeln. Reis und Pasta hingegen hielten sich die Waage. So ist das auch heute noch. Die klassischen Speisen meiner Großmütter und meiner Mutter, die wir alle durchaus sehr lieben, sind heute eher das Exotische auf dem kaum vorhandenen Speiseplan. Dennoch bin ich überzeugt, dass wir exemplarisch sind für ein typisches modernes,  deutsches Familienleben in der Großstadt.

*Bildquelle Titelbild: https://thelifeoffuni.wordpress.com/

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