Wie der Reis auf die Erde kam – indonesisches Volksmärchen

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In alten Zeiten lebten sehr wohlhabende Eltern mit ihren beiden Söhnen. Sie besaßen unzählig viele Wasserbüffel und anderes Vieh sowie einen Fischteich, den der Vater eigenhändig angelegt hatte. Eines Tages, die Söhne waren noch recht klein, starben die Eltern. Die beiden Waisen konnten sich selbst nicht versorgen oder das Vieh hüten. Böse Menschen nahmen ihnen alle Haustiere weg und sie gerieten in immer größeres Elend. Nur der Fischteich konnte ihnen nicht weggetragen werden. Der ältere der beiden Brüder war zwar schon recht groß, doch er hatte krumme Beine und Entenfüße, deren Zehen zusammengewachsen waren.

Einmal ging der jüngere der Brüder los, um nach dem Fischteich zu sehen. Da sah er dort sieben Mädchen, die in dem Teich gebadet hatten und gerade  wieder aufbrechen wollten. Da fragte er sie, ob er sie begleiten dürfe und sie antworteten ihm: „Warum denn nicht, wenn du es möchtest? Uns macht es nichts aus. aber du selbst bist es, der mit uns gehen möchte und wir erlauben es dir nur.“ So machten sich die sieben Mädchen auf ihren Weg und der Waisenjunge folgte ihnen. Sie erklommen den Regenbogen hinauf in den Himmel. Sieben Tage und sieben Nächte waren sie unterwegs und als sie oben angekommen waren, verlor der Waisenjunge die sieben Mädchen aus den Augen. Verwirrt darüber irrte er durch den Himmel und kam in ein Dorf, in dem etwas gelb glänzendes in der Sonne getrocknet wurde. Er dachte sich, dass müsse Gold sein und ging näher heran, um es genauer betrachten zu können. Da bemerkte er, dass die vielen kleinen goldglänzenden Körnchen von einem Mann bewacht wurden. Er fragte den Mann „Hallo, woher hast du denn so viel Gold?“ Der Mann antwortete ihm „Was redest du denn da? Das ist doch kein Gold, das ich trockne.“ „Wenn es kein Gold ist, was ist es dann“, fragte der Waisenjunge. Da erklärte ihm der Mann, dass es Reiskörner seien, von einer Pflanzenart, und diese ausserordentlich gut schmecken würden.  Der Junge staunte nicht schlecht. Das, was er für Gold gehalten hatte konnte man also sogar essen und er fragte erneut: „Oh, das kann man also essen? Womit läßt sich der Geschmack von diesen Reiskörnern denn vergleichen?“ Da antwortete ihm der Besitzer der Reiskörner: „Auf der ganzen Welt gibt es keine einzige Speise, die schmackhafter und nützlicher ist als diese Reiskörner hier, die du für Gold angesehen hast.“ Da bat der Junge den Reiskornbesitzer ihm einige Reiskörner zu schenken, die er mit zur Erde zurück nehmen könne. Doch der Mann erzürnte: „Scher dich ja schnell weg von hier und wage es nicht auch nur ein einziges Reiskorn mit zur Erde zu nehmen. Nur hier im Himmel darfst du davon essen!“ Und wieder etwas milder geworden sagte er weiter: “ Wenn du hier im Himmel etwas von dem Reis essen möchtest, gebe ich dir gerne davon. Aber ich werde es niemals zulassen, dass du auch nur ein einziges Reiskorn zur Erde runter bringst!“ Und er reichte dem Waisenjungen eine Schale mit gekochtem Reis.

Dem Waisenjungen schmeckte diese Speise ausgesprochen gut. Gerne hätte er den Mann erneut gebeten, etwas von den köstlichen und schönen Körnern dieser sonderbaren Pflanze mit auf die Erde nehmen zu dürfen, doch er wusste, dass er damit nur wieder dessen Zorn wecken würde. Also dachte er sich eine List aus. Er bat zunächst den Reiskornbesitzer für ihn arbeiten zu dürfen und eines Tages, als der Reisbauer die Vögel mit Reiskörnern fütterte, stopfte er sich eine Handvoll Reiskörner in den Mund und eilte die Regenbogenleiterstufen hinunter Richtung Erde zurück. Als der Reisbauer zurück kam, sah er sofort die Spur auf den in der Sonne trocknenden Reiskörnern, welche die Hand des Jungens hinterlassen hatte. Wütend eilte er dem Jungen hinterher und erreichte ihn auf der Hälfte des Regenbogens. Ein paar mal stieß er ihn gegen die Stufen, sodass der Junge sich seine Fersen blutig an deren scharfen Kanten verletzte und pulte ihm alle Reiskörner bis auf das letzte aus dem Mund. Gerade als er sich auf den Weg zurück in den Himmel machen wollte, fragte ihn der Junge, ob er nicht wieder mit ihm gehen und für ihn arbeiten könne. Schließlich seien seine Fersen nun so verletzt, dass er nicht weiter die Stufen hinunter käme. Der Himmelsbewohner antwortete: „Wenn du das wirklich willst, dann kannst du mit mir mit kommen. Doch schlage es dir aus dem Kopf, mir auch nur ein einziges Korn stehlen zu wollen. Ich werde das nicht zulassen.“ So kehrten sie in den Himmel zurück. Mit jeder Stufe, die es nach oben ging, merkte der Junge so richtig, wie schlimm die Wunden an seinen Fersen schmerzten. Das brachte ihn auf eine neue Idee, wie er den Reis zur Erde bringen könnte. Er würde die Reiskörner in den Wunden seiner Füße verbergen und dann den Reiskornbesitzer höflich bitten,  zurück zur Erde gehen zu dürfen.

Nach ein paar Tagen, als die Wunden ein wenig verheilt waren, schlich sich der Junge zu den goldenen Reiskörnern und stopfte einige davon zwischen seine Wunden. Dann ging er zu dem Reisbauern und bat darum zurück zur Erde zu seinem Bruder gehen zu dürfen, der bestimmt auf ihn warten würde. „Es ist gut, wenn du zu deinem Bruder zurückkehren möchtest“ erwiderte der Reiskornbesitzer, „aber vorher will ich dich genau untersuchen. Nicht, dass du ein Reiskorn zum Andenken mit auf die Erde nehmen möchtest.“ Der Junger antwortete ganz ruhig: „Bitte sehr, du kannst mich gerne überall durchsuchen. Ich habe jetzt gewisslich nichts genommen. Zu groß ist meine Angst und ich bereue es aufrichtig, was ich getan habe und werde es bestimmt nicht wieder tun.“ „Nun gut“, sagte der Reiskornbesitzer, „ich verstehe das gut und will dir glauben. Du kannst also gehen.“ Nach diesen Worten seines Kostgebers verabschiedete sich der Waisenjunge und stieg die Regenbogenleiter hinab zur Erde zurück. Der Reiskornbesitzer aber ahnte nichts davon, dass der Junge ihn überlistet hatte.

Als der Waisenjunge zu Hause bei seinem Bruder ankam, legte er sofort ein Ladang an. Das ist ein durch Brandrodung gewonnenes Feld zum Trockenreisanbau. Und als er damit fertig war, baute er dort mit den gestohlenen Reiskörnern die Reispflanzen an. Doch kaum wuchsen die Reispflanzen auf der Erde auf dem Feld der Waisenkinder und brachten eine seht gute Ernte ein, da wollte der Reis im Himmel nicht mehr gedeihen. Es schien, als habe er dort seine Lebenskraft verloren. Genau dieses hatte der Himmelsbewohner so sehr befürchtet, als er den Jungen hindern wollte von seinen Reiskörnern welche mit auf die Erde zu nehmen. Doch nun war es geschehen. Glück kann man eben nicht erzwingen und Unglück nicht abwehren. Der gestohlene Himmelsreis gedieh nun auf der Erde.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Corinna sagt:

    Ein bisschen traurig für die im Himmel, aber ich möchte auch nicht ohne Reis leben. 🙂 Danke für das schöne Märchen!

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    1. wiwor sagt:

      Deshalb wollen wir auch noch lange auf der Erde bleiben… 😉

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      1. Corinna sagt:

        Du sagst es. 🙂

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