Vom Weizenbrot mit Lievito Madre und einem Besuch des Panoptikums in Hamburg

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Beides trug sich gestern zu, in umgekehrter Reihenfolge, als hier beschrieben. Denn nachdem ich das Brot früh morgens gebacken und davon gefrühstückt hatte, kam ich auf die Idee Hamburg einen kleinen Besuch abzustatten. Ich schlenderte durch die noch ruhende Blütenpracht von Planten un Blomen, ein Stück entlang der Binnenalster,  streifte durch die Hafencity und landete schließlich auf St Pauli. Auf dem Spielbudenplatz befindet sich das Panoptikum, das älteste und vielleicht auch größte Wachsfiguenkabinett Deutschlands.

Ich war noch nie und niemals in einem Wachsfigurenkabinett, also bot sich jetzt doch endlich einmal ein Besuch an. Ahnungslos und unvorbereitet ging ich hinein. Kaum war ich eingetreten, war ich auch schon mitten drin. Papst Benedikt stand da, vor den Besuchern durch ein Taugestänge abgegrenzt und Karl Lagerfeld posierte im freien Raum. Ich hätte mich einfach zu Angela Merkel und Gerhard Schröder an den Stehtisch gesellen oder auf den leeren Sessel neben Helmut Schmidt an den Rauchertisch setzen können.  Köstlich fand ich die gemütliche Nische, in der Helmut Kohl mit Hans-Dietrich Genscher genüsslich vom gefüllten Saumagen speiste. Hinter Kohl befand sich ein Bücherregal, das u.a ein dickes Diätkochbuch und die Bücher „Verrat und Spionage“, „Träumer oder Realist“ sowie „Freiheit in Deutschland“ beinhaltete.

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Ich fühlte mich wie auf einer Veranstaltung mitten in Hamburg, auf der alle möglichen Persönlichkeiten aus Poltik, Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie einzelne auffällige Menschen, wie der dickste Mann oder die größte Frau der Welt zusammengekommen sind. Das Panoptikum wirbt selbst mit folgenden Worten für sich:

Die grössten Persönlichkeiten.
Garantiert ohne Starallüren.

Willkommen im ältesten
Wachsfigurenkabinett Deutschlands:

Seit über 130 Jahren präsentieren wir Ihnen bedeutende Herrscher der Geschichte, Genies aus Kultur und Wissenschaft und die schillerndsten Persönlichkeiten der Kunst, Kultur und des Sports. Freuen Sie sich auf ein Wiedersehen mit den Beatles, machen Sie König Heinrich VIII. Ihre Aufwartung oder verlieren Sie sich in den grünen Augen von Robbie Williams. Hier können Sie Ihre Idole hautnah erleben – ohne Bodyguards, die Ihnen den Blick versperren.

Manchmal war ich irritiert, wusste nicht recht, ob ich nun neben einer Wachspuppe oder einem anderen Besucher stand und wie könnte es auch anders sein, machte sich der eine und die andere einen kleinen Spaß daraus. Weder das Gruselkabinett hinter schwarzem Vorhang, noch das „Anatomische Kabinett“ erschreckten mich, wohl aber folgende Szene im Raum für Geschichte und Kultur.

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Neben Napoleon und Karl dem Großen, neben Churchill, Roosevelt und Stalin steht diese Gruppe. 1941 wurden Persönlichkeit und Charakter der Köpfe des NS Regimes, Francos und Mussolinis freundlich aus Wachs hergestellt. Eva Braun seht ihr auf dem Foto nicht, denn sie wird von Goebels verdeckt. Während des Dritten Reiches hatte das Propagandaministerium verboten die Hitlerfigur auszustellen, doch bereits seit der britschen Besatzung 1948 sind sie nun alle im Panoptikum unbehelligt anzusehen.  Anfang der 1990er Jahre dann kam man auf die Idee dieser Gruppe die Figuren von Hans und Sophie Scholl gegenüber zu stellen.  Auf dem Boden liegt ein Flugblatt der Weißen Rose. Daneben ein Hinweis, dass sich heute jeder danach bücken könne ohne sein Leben zu riskieren. Doch niemand bückte sich danach. Eine alte Frau stellte sich vor Goebels. „Ja, genau so kannte man ihn, so hat er früher immer gelacht“, sagte sie und ging weiter. Dabei ließ sie die Geschwister Scholl unbeachtet links liegen und bemerkte nicht, dass sie auf das Flugblatt trat.

Unangenehm berührt verließ ich das Panoptikum und fuhr mit der S-Bahn zum Bahnhof.  Im Zug nach Hause entpackte ich noch immer nachdenklich mein selbstgebackenes Butterbrot, das mir trotz alledem auch mit Käse gut schmeckte.

Weizenbrot

Das besondere an diesem Brot ist der milde Weizensauerteig „Lievito Madre„.  Erstmals las ich im Januar über diesen Sauerteig bei Valesa und nahm mir gleich vor, diesen einmal selbst auszuprobieren. Wer meine Beiträge aufmerksam liest weiß, dass ich inuitiv abmesse. Küchenwaage und Messbecher gibt es in meinem Haushalt nicht. So ist das nun auch mit meinem Lievito Madre geschehen. Nicht nur, dass ich geschätzte Mengen Mehl und Wasser zugab und entnahm, nein, noch freier hielt ich mich auch nicht an die vorgegebenen Gärzeiten. Was das angeht, bin ich einfach eine miserable Köchin, die gelegentlich mehr Glück als Verstand hat oder eben auch doch eine mutige Frau. Bereits am zweiten Tag vergaß ich erstmals meinen Sauerteigansatz und auch die 5-6 Tagesregel überzog ich immer wieder. Doch was soll ich klagen, mein Ansatz ist gut gereift, die Kulturen leben und das Brot, schaut selbst, ist herrlich aufgegangen. Die Kruste ist zart und knusprig. Die Krume feinporig und angenehm aromatisch. Während ich den Lievito Madre mit Mehl Typ 550 ansetzte, habe ich dann für das Brot ca 700 g Weizenmehl Typ  1084 mit ca 100 g Lievito Madre, etwas Salz, Olivenöl und warmen Wasser vermengt, geknetet, gefaltet und gebacken.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. valesaschell sagt:

    Sieht wunderbar aus! Ich muss gestehen, ich halte mich auch selten an genau Maßgaben und schütte auch oft einfach zusammen! Erst seit dich einen eigenen Blog habe, messe ich etwas öfter ab, da ich ja die Mengen fürs Rezept brauche!

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  2. dsk sagt:

    Da war ich noch nie obwohl ich seit 20 Jahren in Hamburg lebe. Und Brot habe ich auch noch nie gebacken. Beides eine gute Idee. 😉

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    1. Wili sagt:

      ich war da auch noch nie, obwohl ich seit über 20 Jahren regelmäßig in Hamburg bin. Ich finde aber, dass es sich gelohnt hat, dort einmal hineinzuschauen. Ich würde es nur nicht als Tagesprogramm planen, sondern mitnehmen, wenn man eh gerade in der Gegend ist, es plötzlich regnet oder so… 😉

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    2. Wili sagt:

      … und Brotteig kneten finde ich herrlich entspannend 😉

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