okzidentalisch-orientalisches Frühstück

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Okzident und Orient oder Morgenland und Abendland sind von ihrem Ursprung her Richtungsangaben. Es waren die Römer, die vor satten 2000 Jahren jene Gegenden „Orient“ nannten, die von Rom aus gesehen im Osten lagen. Die dem Orient gegenüberliegenden Gebiete bezeichneten sie als „Okzident“. Nun ist das schon sehr sehr lange her und wie mit vielen Begriffen unterlagen auch diese Beiden häufigen Bedeutungswandeln. Heute bezeichnen wir hier von Deutschland aus die Gebiete und Länder des Nahen Ostens als orientalisch und betrachten uns selbst als okzidentalisch. Damit verknüpfen wir dann und vor allem religiös-kulturelle Zuschreibungen sowie diverse Koch- und Essgewohnheiten. Die Grenzen erscheinen dabei meistens diffus, orientieren sich oftmals lediglich an Klischees und/oder Vorurteilen und bleiben fließend.

Auf meinem Frühstücksteller vereinigten sich heute Morgen Zutaten und Kochtechniken der verschiedenen Regionen und Kulturen ganz selbstverständlich und alle diese konstruierten Grenzen überschreitend zu einer köstlichen Einheit. Dabei musste ich keine speziellen Besorgungen tätigen. Ihre Zusammenstellung ergab sich einfach aus dem, was ich vorrätig hatte:

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frisch gebackene Sesamringe, bulgarischer Feta mit Waldhonig aus Thassos, spanische Oliven mit holländischer Gurke, Labneh von türkischem Joghurt, Sabzi Khordan (Persischer Kräuterteller) mit Walnuss und persische Orangenmarmelade

Sesamringe (Simit)

Gestern Abend fiel mein Blick auf den italienischen Lievito Madre, den ich vor ziemlich genau einem Jahr ansetzte. Er hat sich mittlerweile ganz schön entwickelt, ist gereift und längst nicht mehr so rein und unschuldig, wie in seinen ersten Tagen. Vielleicht darf ich diesen Weizensauerteig auch nicht mehr Lievito Madre nennen, denn im Laufe des Jahres fütterte ich ihn mit diversen Weizenmehlsorten und auch schon mal mit Dinkelmehl, jenachdem was ich so gerade zur Hand hatte. Er sah ganz schön hungrig aus und hatte sich bereits traurigklein verkümmelt in seinem großen Glas.

Also fischte ich noch gestern Abend den kleinen, zähen, leicht säuerlich duftenden Hefeklumpen aus dem Glas, gab kräftig Mehl und lauwarmes Wasser hinzu, knetete alles gut durch, rollte ihn zu einer Kugel und ließ ihn über Nacht bei Raumtemperatur von ca 18° C zu Kräften kommen. Heute Morgen begrüßte er mich dann mit neuer Energie:

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Als ich ihn da so vor mir sah, kamen mir die osmanischen Simit (Sesamringe) in den Sinn. Also halbierte ich meinen guten Lievito Madre. Die eine Hälfte rollte ich wieder zu einer Kugel, die in einem luftdicht verschlossenen Gefäß erneut den Kühlschank bezog.

An die andere Hälfte gab ich ein Glas warmes Wasser, 2 EL Joghurt, 1/2 TL Salz sowie 1 TL Trockenhefe und verrührte alles zu einem glatten Brei. Dann gab ich nach und nach Mehl hinzu und knetete mit den Händen, bis ein elastischer, weicher Teig entstand, der nicht mehr klebte. Wie viel Mehl ich nahm, kann ich nicht genau sagen. Ich schätze, dass es 600-700g gewesen sind. Es war dieses mal italienisches Brot- und Pizzamehl.

Während der Teig ruhte, heizte ich den Backofen auf 250° C auf und überlegte, dass eine Mischung aus 1 EL Rübenkraut und 1 EL Granatapfelsirup ein guter Ersatz für türkisches Pekmez (Traubensirup) sein könnte und verrührte diese mit etwas hannöverschen Leitungswasser in einem tiefen Teller. Auf einem zweiten Teller gab ich Sesamsamen.

Nun knetete ich den Teig nochmals durch und nahm vier mandarinengroße Teigstücke ab, die ich auf der mit Mehl bestäubten Arbeitsplatte zu Schlangen ausrollte. Die Teigschlangen schloss ich zu Kringeln, die ich erst in die Siruplösung eintauchte, dann im Sesam wendete und schließlich auf ein mit Backpapier ausgelegtem Backblech auslegte. (Die übrigen Sesamringe habe ich dann heute Abend gebacken. Ich bekam insgesamt 12 Stück heraus)

Den Backofen schaltete ich auf 200° C herunter und buk die Ringe in 15 Minuten fertig.

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Zeit, um zu entscheiden, was ich dazu essen wollte und nebenbei noch etwas indonesischen Kaffee in meiner italienischen Espressokanne aufzusetzen.

Der bulgarische Feta aus Schafsmilchkäse und der Waldhonig aus Thassos, ein Geschenk von Ariane, das ich wie einen kleinen kostbaren Schatz hüte und genieße, boten sich als harmonisches Paar an.

Gurkenscheibchen und Oliven waren auch schnell dabei, ebenso wie das kleine Tellerchen Sabzi Khordan mit den Kräutern, die ich frisch zur Hand hatte.

Orangenmarmelde

Die Orangenmarmelde hielt sich ein wenig von anderen Konfitüregläsern bedeckt, fast wie eine junge, schüchterne Iranerin, die hinter ihrem Schleier kokettiert.

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Vor 3 Monaten erst hatte ich sie hergestellt: Zwei Bio-Orangen hatte ich mehrmals mit einem spitzen Messer gestochen und sie dann 2 Tage lang gewässert, um ihnen ihre Bitterstoffe zu entziehen. Dabei wechselte ich immer einmal wieder das Wasser. Dann zerteilte ich die Früchte in grobe Stücke, die ich im Mixer grob pürierte. Die Orangenmasse wog ich ab und gab die gleiche Menge Zucker hinzu (kein Gelierzucker, die Orangenschalen enthalten genug Pektin). Dieses Gemisch ließ ich in einem Topf aufkochen und unter Rühren 2-3 Minuten kochen. Fertig. Die noch heiße Fruchtmasse füllte ich in zwei sterile (ausgekochte) Gläser ab.

Labneh

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Das Labneh hatte ich vor knapp vier Wochen hergestellt, um den Joghurt zu retten, von dem ich viel zu viel zur Verfügung hatte. Das Verfallsdatum war bereits um mehrere Tage überschritten, was ja zunächst nichts dramatisches ist. Ich fürchtete aber, der Joghurt könne schneller verderben, als ich ihn essen würde und das wollte ich nicht. Also ließ ich ihn über Nacht in einem Sieb abtropfen (Die abtropfende Molke fing ich auf und reicherte damit in den Folgetagen Reis und Couscous an).  Den abgetropften Joghurt rollte ich zu kleinen kugelförmigen Klümpchen, die ich in ein verschließnares Glas gab, das ich mit italienischem Olivenöl auffüllte. Es ist ein sehr schöner cremiger Frischkäse geworden, der nun doch zur Neige geht.

Also, wer mag, greife zu. Es ist genug da:

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PS: Für das Schreiben und Fertigstellen dieses Beitrags benötigte ich mehr Zeit als für die Zubereitung des Frühstücks.

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Zeilenende sagt:

    Mhm … Ich habe gerade mein nordisch-niederländisches Frühstück (mit Knäckebrot, Käse, Frischkäse und Stroopwafel-Creme) beendet und überlege jetzt, wo ich Sesamringe und Schafskäse herbekomme. Das ist dir gut gelungen. 🙂

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    1. Wili sagt:

      Lass uns ein wenig tauschen. Knäckebrot und Stroopwaffelcreme fehlt mir. Beides mag ich aber sehr 😊

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      1. Zeilenende sagt:

        Das Knäcke würde ich sogar eintauschen, ist nicht so meine Sorte. Aber die Stroopwaffelcreme esse ich pur. *gg*

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      2. Wili sagt:

        Och menno 😥

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      3. Zeilenende sagt:

        Sie ist morgen ohnehin leer. 😯

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  2. Klingt alles einfach so, dass ich mich gerne zu dir zum essen setzen möchte 😊

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    1. Wili sagt:

      Du bist willkommen, (fast) jederzeit 😊

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  3. Rabin sagt:

    Das klingt wirklich extrem lecker. Speziel diese Teige, die sich immer weiter vermehren, reizen sehr. Bin gerade am Überlegen, das wievielte Rezept zum Nachmachen/Ausprobieren das jetzt wäre. Zum Glück ist das Jahr noch jung. 😉

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    1. Wili sagt:

      So einen milden Weizensauerteig anzusetzen kann ich dir nur empfehlen. Den kannst du für so vieles nutzen.

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