Leben ist das was passiert oder wie ich dann doch noch griechisch kochte

am

Before you cross the street
Take my hand
Life is what happens to you
While you’re busy making other plans

(Bevor du auf die Straße gehst
Nimm meine Hand
Leben ist das, was passiert,
Während du eifrig dabei bist andere Pläne zu machen)

John Lennon

Bereits in 2016 hatte ich mich für diesen VHS-Kurs angemeldet. „Griechisch Kochen und fotografieren“. Mir gefiel die Idee mich einmal wieder nach sehr langer Zeit der griechischen Küche zu widmen. Und endlich mal etwas an meinen Speise-Fotografien zu feilen, ist ja nun alles andere als verkehrt. Ich freute mich also auf den heutigen Sonntag, der von 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr dem Kochen und Fotografieren in einer mir noch fremden Gruppe gehören sollte.

Gleich früh morgens war ich fit und schnell für den Aufbruch bereit. Doch dann verhedderte ich mich ein wenig in der virtuellen Bloggerwelt, sodass ich es gerade noch schaffte um eine Minute nach Zehn Uhr das Gebäude der VHS zu betreten. – Ich erinnerte mich kurz an einen französischen Dozenten, der seine Seminare grundsätzlich um eine Minute nach begann, um so der deutschen Pünktlichkeit ein Schnippchen schlagen zu können – Mit mir eilte ein Mann auf die Türe des Kursraumes zu, die er rasch öffnete. Der Raum war leer, kein Mensch, kein Zettel nirgendwo…

Im Foyer, auf und um die Sitzgruppe herum, wartete ein kleines Grüppchen Menschen. Klar, das war unsere Koch- und Fotografiergruppe. Nur die griechische Dozentin fehlte noch. Um fünf nach Zehn wurden die ersten unruhig. Da lachte ich noch, dass der Kurs eben entspannt und mediterran beginnen würde. Und zum ersten Mal in meinem bisherigen Leben bereute ich es, keinen Stift und kein Papier in meiner Tasche zu haben. Was hätte ich an Skizzen-zeichnen üben können: Die beiden plaudernden Damen auf dem Sofa, die sich gegenseitig an ihrem Gespräch festhielten und keinen weiteren Gesprächspartner zuließen oder die Frau, die da alleine und verloren stand, mit Blick ins Leere. Irgendwie unsicher mied sie jeden Blickkontakt und hörte an den kleinen Gesprächen vorbei. Interessant fand ich auch die beiden Typen mit ohne Haaren, ein wenig abseits von uns anderen. Der eine saß auf einem Stuhl, der andere stand etwas hinter ihm. Jeder war wohl in seiner eigenen Gedankenwelt versunken. Weder waren sie einander zugewandt, noch sprachen sie miteinander. Dennoch wirkten sie zusammengehörig. Das waren sie auch, wie ich später erfuhr. Der eine kochte gerne und der andere war leidenschaftlicher Hobbyfotograf. Dieser Kurs war ihr gemeinsames Weihnachtsgeschenk. Dann waren da noch die beiden Bärentypen. Sie stellten sich breitbeinig in die Mitte des Raumes und sprachen laut über dies und das, vor allem über diese Verspätung der Dozentin und über technische Details ihrer Kameras. Der eine trug eine schwarze Lederjacke, der andere ein rot schreiendes T-Shirt über einen ungeheuer dicken Bauch. Zu ihnen gesellte sich ein smarter Südländer im Jeansanzug.  Die Männer trugen eine große Kameratasche und ein Stativ mit sich, die Frauen hatten ihr Knipsmaschinchen in ihren Handtaschen versteckt.

Um fünfzehn Minuten nach Zehn Uhr wuchs die Unruhe in der Gruppe. Den Pförtner in seinem Glaskasten interessierte es nicht. Um zwanzig nach Zehn Uhr wurde diskutiert, wie lange man eigentlich warten müsse, um nicht seine Kursgebühren zu verschenken. Ich war bereits damit beschäftigt eine E-Mail an die freundliche Dame der Seminarverwaltung in mein Handy zu tippen. Ja, ich ärgerte mich, weniger darüber, dass der Kurs wohl ausfiel. Das kann passieren. Doch die Serviceorientierung und die Kundenfreundlichkeit, die fand ich recht grottig, angefangen, dass die Dozentin nicht anrief bis hin, dass der Pförtner sich nicht zuständig fühlte, wir also im leeren Sonntagmorgenraum stehen gelassen worden waren. Als ich mein Getippsel abgeschlossen hatte, verabschiedete ich mich als erste und wie das so ist, wenn eine den Anfang macht, so folgten mir die anderen. Ein kleines Stückchen teilte ich mir mit den beiden Glatzköpfigen den Weg. Vielleicht wird es ja einen neuen Termin geben und man sieht sich wieder…

Gegen Zehn Uhr fünfundvierzig entspannte ich bei einem französischen Milchkaffee. Dabei fiel mein Blick auf die Fußgängerzone.

Der Berber lag da Mitten auf der Gehfläche wie einfach hingelegt, Mütze unter dem Kopf und keine Kraft mehr die Decke vom Wagen zu nehmen. Auch die Isomatte blieb säuberlich zusammengerollt im Einkaufswagen. Die ersten Passanten eilten achtlos an dem Mann vorbei. Es folgten welche, die ihn sich genauer anschauten, manche sprachen ihn an. Dann hob er kurz die linke Hand zum Abwinken oder schüttelte seinen Kopf leicht hin und her. Die Fußgängerzone belebte sich langsam, der Berber blieb unbeeindruckt liegen. Ein junger Familienvater handyfonierte, ehe er auf den Alten einsprach. Dieser hob und senkte wieder nur die linke Hand zur Antwort. Vielleicht sagte er auch etwas.  Doch das drang nicht bis zu mir vor. Ein weiterer Mann kam hinzu. Zunächst legte er dem Alten die Decke unter den Kopf. Dann entschied er sich ihm aufzuhelfen und auf einen Stein zu setzen. Der Familienvater reichte dem Zupackenden Desinfektionstücher, die dieser dankend annahm. Ein Rettungswagen fuhr ein. Die behandschuhten Sanitäter gesellten sich zu den beiden helfenden Männern, befragten und beobachteten den alten Mann auf seinem Stein. Von irgendwoher klang ein Schiffahrtsklavier.  Zwar erkannte ich die Melodie und summte leise mit, doch kam ich nicht auf den Titel des Gassenhauers.  Der Zupackende eilte zu uns ins Café und holte einen Becher Kranenburger, während der Familienvater mit Frau und Kind seiner Wege weiterzog. Die Sanitäter beobachteten den Alten. Konnten sie ihn sitzen und anschließend seiner Wege ziehen lassen? Ein Streetworker kam hinzu und schaute ebenfalls abwartend.

Um elf Uhr fünfundvierzig zahlte ich meinen Café au lait, einen Kaffee to go und ein Stück Käsekuchen, denn Brot oder Brötchen gab es nicht. Aber Käsekuchen hat ja gut Fett und Zucker, sogar Proteine und Kalzium. Der alte Mann saß zwar noch ein wenig benommen, aber doch recht zufrieden auf seinem Stein, als ich bei ihm vorbei kam. Gelassen nahm er die Aufmerksamkeit um sich herum entgegen. Sein Gesicht war braun gebrannt und schwarz verdreckt, die Augen leicht vereitert. Er lebt wohl schon recht lange auf der Straße. Zum Dank für Kuchen und Kaffee ernannte er mich zur „Heiligen Julia“.  Doch eine Märtyrerin, die sich für ihren Glauben versklaven, foltern und kreuzigen läßt, bin ich keinesfalls. Eher kaufte ich mich wohl frei und folgte dem Gedanken, dass Wasser diesen Mann nicht munter machen würde, der sicher doch auch Hunger hatte…

Wenige Schritte weiter eröffnete sich mir eine neue Szene:

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In Erwartung auf ein gutes Geschäft am verkaufsoffenen Sonntag genossen die ersten Stadtbesucher ein gepflegtes Bierchen. Dabei hatten sich die Platanen noch nicht recht entschieden, ob es nun noch Herbstwinter  oder doch schon Frühling sei.

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Ich hingegen erreichte den Bahnhofsvorplatz, der um Zwölf Uhr auch noch nicht so richtig munter zu sein schien.

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Im Einkaufsbahnhof kaufte ich Auberginen, Bohnen und Zucchini. Ich hatte zwar keine Rezepte, aber ein Vorstellung, wie ich heute doch noch griechisch kochen könnte und habe dann, gegen Dreizehn Uhr zu Hause angekommen ein griechisch anmutendes Spätmittagessen gekocht: kaltes Kartoffel-Nuss-Püree, fritierte Zucchini, gefüllte Tomaten, Möhrentsatziki, grüne Bohnen in Tomatensauce und gefüllte Aubergine.

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Gerne hätte ich geteilt. Genug hatte ich ja gekocht. Aber denkt nicht, dass ich traurig war, letztendlich alleine „griechisch“ zu Essen, wo doch Geselligkeit geplant gewesen war.

Die Rezepte folgen in den kommenden Tagen und ich werde sie hier mit diesem Beitrag verlinken. Jetzt ist es Zeit eine Gute Nacht zu wünschen.

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. anandvaghasiya sagt:

    Nice

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  2. Lehrercafe sagt:

    Die Teller sehen fantastisch aus. Freue mich auf die Rezepte.

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  3. Zeilenende sagt:

    Da schau her, gekocht und fotografiert, obwohl der Kurs gar nicht stattgefunden hat. Vielleicht hättest du einfach den Kursraum entern sollen, damit ihr alle gemeinsam einen Teach-In macht. 🙂

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    1. Wili sagt:

      Ich hatte angeboten, den Kurs in meinen Garten zu verlegen und nach dem Rasenmähen griechisch zu grillen. Dass mit der Gartenarbeit war aber wohl ein Ko- Kriterium. *g*

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      1. Zeilenende sagt:

        Du hättest vielleicht von griechischem Grassalat als regionaler Spezialität schwärmen können. *gg*

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      2. Wili sagt:

        Hach, so einfallsreich war ich nicht. Aber ich merke es mir.

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