Mein Date mit einem rothaarigen und sommersprossigen, starken Mädchen

am

Nein, ich bin nicht Pippi Langstrumpf begegnet. Aber man munkelt, dass die kleine Anne Shirley, die ich auf dem 4. Buchdate kennen lernen durfte, tatsächlich Astrid Lindgren bei ihren Erzählungen über Pippi beeinflusst haben soll…

Das 4. Buchdate, von wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende ins Leben gerufen, hatte das weit gefasste Thema „moderne Klassiker“.  Aequitas et Veritas, die vor mir in die Datingreihe gelost wurde, ließ ein wenig ihre kleinen grauen Gehirnzellen rotieren und empfahl mir

  • Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit.
  • Jane Austen: Die Liebe der Anne Elliot.
  • Lucy Maud Montgomery: Anne auf Green Gables,
    weil ich „Astrid Lindgren gerne lese und es wohl kein kanadisches Kinderbuch, das schon seit so langer Zeit so beliebt ist“, gäbe.

„Hundert Jahre Einsamkeit“, dessen Erstauflagen heute zum Kulturerbe Kolumbiens zählen, hätte es allemale verdient, von mir nochmals gelesen und hier näher vorgestellt zu werden. Es war einfach faszinierend, wie ich da von einer sehr poetischen und bildhaften Sprache, selbst noch in der Übersetzung, in eine  Welt gezogen wurde, in der Realität, Mythen, Volkserzählungen und Fantasien zu einer Einheit verschmelzen. Doch dann lockte mich das mir noch Neue und Unbekannte. Jane Austen ist sicherlich eine britische, literarische Klassikerin, doch ist ihr Werk auch noch einer modernen Klassik zuzuordnen?  Oder anders gefragt sind der englische Neoklassizismus des 18. Jahrhunderts und die hier gemeinte moderne Klassik gleichzusetzen? Ohne nachzudenken entschied ich mich intuitiv dagegen, obwohl ich Entwicklungsromane sehr gerne mag. Zudem habe ich bisher nur einzelne Verfilmungen ihrer Romane gesehen, aber noch kein Buch von Jane Austen gelesen. So ziert nun auch „Die liebe der Anne Elliot“ den Stapel meiner noch zu lesenden Bücher.  Ich freue mich schon darauf, demnächst der Anne Elliot lesend zu begegnen. Danke, liebe Aequitas et Veritas für diese Empfehlung.

Ich las mich dann aber in das Kanada des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in den fiktiven Ort Avonlea auf  Prince Edward Island ein und begleitete 299 Seiten oder vier Jahre lang die Entwicklung eines starken und eigenständigen Mädchens mit einer ausgesprochen schönen Nase, „möhrenroten“ Haaren und vielen Sommersprossen im Gesicht. Diese roten Haare und Sommersprossen bezeichnet es selbst als katastrophales Schicksal, das sie zu einem Leben seelischer Qualen verdammt. Gut nur, dass es sich da rasch von der wunderschönen Tulpe im Garten oder dem wasserglitzernden See ablenken lassen kann. Mit ihrer Fantasie rettet sich Anne Shirley einfach aus jeder unerträglichen Lebenslage.

Die Geschichte beginnt allerdings mit Mrs. Rachel Lynde, einer Nachbarin der Bewohner von Green Gables, dem Hof der bereits in die Jahre gekommenen Geschwister Mathew und Marilla Cuthbert.  Mrs. Rachel Lynde ist die Neuigkeiten verbreitende Tratschtante des Dorfes, die ihre Neugierde hinter der Sorge um ihre Mitmenschen zu verbergen sucht. So beobachtet sie wohl auch nicht zufällig, wie Mathew Cuthbert zu einer ungewöhnlichen Zeit und auffällig gut gekleidet auf der Pferdekutsche das Dorf verlässt. Sie eilt  zu Marilla Cuthbert und erfährt das Ungeheuerliche. Schmunzelnd, so scheint es, lässt dabei die Erzählerin offen, ob Mrs. Rachel Lynde nun entrüsteter ist über den Inhalt der Nachricht oder über die Tatsache, dass man sich vorher nicht zu dieser pikanten Angelegenheit ihren Rat eingeholt hat.

Die Cuthbertgeschwister hatten entschieden, zur Unterstützung auf dem Hof einen anpackenden Waisenjungen aufzunehmen.  Im zweiten Kapitel wartet dann aber  ein kleines, dürres rothaariges Mädchen, voller schwer gezügelter Freude und enormer Glückseeligkeit. Das ist Anne mit e am Ende, in einem einfachen gelbbraunen, engen Flanellkleid. Vor allem Marilla will sie anfangs im Waisenheim auf dem Festland wieder gegen einen Jungen eintauschen. Doch dem quirllign, fantasievoll plappernden und von Emotionen überströmenden  Mädchen gelingt es schnell die Herzen der Cuthbertgeschwister für sich zu gewinnen.  So beginnt die Geschichte seines Heranwachsens auf Green Gables, dem Haus mit den grünen Giebeln.

In den folgenden 32 Kapiteln, die nie mehr als 15 Seiten umfassen, begleitete ich Anne, wie sie Green Gabels und Avonlea erobert, sich anfangs überschwenglich und gelegentlich um Kopf- und Kragen, dann aber doch schnell in die Herzen ihrer Mitmenschen plappert, langsam reifer und ruhiger wird,  eine angemessenere und weniger dramatische Wortwahl trifft und doch ihren bezaubernden fantasievollen Gedankenfluss beibehält Jedes Kapitel behandelt ein bestimmtes Ereignis und manchmal vergehen zwischen den einzelnen Kapiteln Monate, doch das führt niemals zu einem Bruch des Leseflusses.  Mit einem ansteckenden Schmunzeln beschreibt die Erzählerin kurzweilig, wie das beständige Leben in jenem idyllischen Dörfchen durch Annes kleine Missgeschicke, in die sie nie aus böswilliger Absicht oder rebellischer Haltung, sondern aus  Pech, Naivität, Überschwang  und einer gewissen Sturheit gerät, immer wieder aufwühlt.  Doch trotz oder gerade wegen all dieser „Unglücke“ gelingt Annes Integration. Zudem lernt sie rasch aus ihren Fehlern und zieht angemessene Konsequenzen daraus.  Zum Ende des Buches ist Anne 16 Jahre alt, hat bereits ein Jahr auf dem College verbracht und ihr „Großes Lehrerexamen“ absolviert. Sie entscheidet sich aber auf Green Gables zu bleiben und eine Stelle als Lehrerin in Avonlea anzunehmen. „Doch wenn der Weg, der nun vor ihr lag, auch schmal war – sie wusste, dass Blumen an seinem Rand blühten. Die Freuden ernsthafter Arbeit und guter Freundschaft winkten ihr. Nichts konnte Anne ihre angeborene Fantasie, ihre Welt voller Träume streitig machen. Und schließlich war da immer noch die Biegung in der Straße… “ Es ist beruhigend zu wissen, dass ich sie auf diesem persönlichen Weg in fünf Folgebänden weiter begleiten kann.

Mir hat der detailverliebte Erzählstil mit seinem feinen Humor zugesagt, der selbst in der Übersetzung noch spürbar ist. Jede Figur, unabhängig von ihrer Bedeutung, hat eine eigene und tiefe Persönlichkeit erhalten, die gelegentlich durch einzelne präzise Worte oder mittels eines einzigen Satzes gezeichnet wurde. Liebevoll werden dabei die individuellen Schwächen und Schrulligkeiten aufgezeigt. Auch das Umfeld und die Umgebung sind detailiert und naturverbunden beschrieben. Eindeutig ist die Sprache auf Mädchen/Frauen zugeschnitten und ermutigt sich selbst entgegen der Konventionen treu zu bleiben, ohne dass jemals zur Rebellion aufgerufen wird. Viel Schlimmeres als der normale Alltag mit Missgeschicken, Krankheiten und Abschieden von lieben Menschen passiert nicht.  Ich finde, Anne auf Grenn Gables ist ein feines, kurzweiliges Lesevernügen für kleine und große verträumte Menschenwesen und zurecht ein moderner Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur, auch wenn die Spache deutlich über 100 jahre alt ist. Alles in allem assoziiere ich dazu  Geschichten wie „Hanni und Nanni“, „Bibbi Blocksberg“, „Der Trotzkopf“ oder auch „Unsere kleine Farm“.  Als ältere Schwester bzw. eine der Vorbilder von Pippi Langstrumpf kann ich sie mir ebenfalls gut vorstellen.

Die weiteren Buchvorstellungen des 4. Buchdates sind hinter diesem Link hinterlegt

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Schön, dass es dir gefallen hat! Und dass du „Anne Elliot“ auch noch lesen möchtest. 😊

    Gefällt 1 Person

    1. Wili sagt:

      bin schon fleißig dabei 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Es war ein super Buch! Danke noch mal!

        Gefällt 1 Person

  2. Danke dir, Wili, dass du mit dabei warst und ich freue mich, dass dir das Buch gefallen hat 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s