Schläft ein Lied in allen Dingen… – Eleanor Ellis

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Vergangenen Freitag verirrten wir uns in die zweitälteste Kneipe von Hannover Linden, nicht ahnend, dass wir damit in die Welt des Blues eintauchten. Der Kneipenraum war leer, doch im hinteren Saal saßen einige Leutchen, tranken ihr Bier und rauchten ihre Zigaretten. Hinter einem Tisch saß ein äusserst stattlicher Typ. Vor ihm auf dem Tisch stand ein Plattenspieler, eine  Musikanlage und ein kleiner Stapel Schallplatten, Schellakschätzchen, wie sich später herausstellen sollte. Links von ihm saß auf einem Stuhl vor Mikrophonen eine zierliche, rothaarige ältere Dame und stimmte die Gitarre. Sie lächelte uns zu, als wir den Raum betraten.  Die handvoll Menschen, die sich im Raum an den Tischen verteilt hatten waren durchweg 60plus.  Wir ließen uns nieder, erfreut wohl auf einen der vielen Hutkonzerte in Hannover gestrandet zu sein, bestellten unsere Getränke und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Es kamen noch ein paar Menschen hinzu, ehe es plötzlich losging: Der Kerl hinter dem Plattenteller begrüßte uns zu „Missisippi liegt Mitten in Linden“, eine Veranstaltung des Blues Clubs Hannover. Sein Name ist Lonesome Nighthawk. Das Thema seines  Vortrags sei Sneaking Lizard Blues, Rare Female & Male Blues. Dabei würde es auch um die sexuelle Methaphorik im Blues gehen. Dann erzählt er von Bluessängern vergangener Tage und von deren Plattenlables. Wir Kulturbanausen kannten davon nichts, ganz anders, als ein Großteil des Publikums, dass sehr andächtig und aufmerksam an den Lippen des Nachtfalken hing. Und dann legte er sein erstes Schellackschätzchen auf, das 94 Jahre alt sei. Gegen das Knarzen und Knarren kämpfen eine Stimme und eine Gitarre an. Mir dröhnten die Ohren, doch die anderen um mich herum wippten andächtig im erahnten Rhythmus mit.  Lonesome Nighthawk erwies sich als ein wandelndes Blueslexikon, der mit berechtigtem Stolz erwähnte, dass er eine der größten Sammlungen von Blues-Scheiben und Andenken außerhalb der Vereinigten Staaten besäße. Von der nächsten Platte merkte ich mir wieder nicht den Namen des Interpreten, wohl aber, dass er ermordet wurde und dass Lonesome Nighthawk 40 Jahre lang dieser Schellackplatte, von der es wohl nur noch 8 geben würde, nachjagdte… Wir waren in einer echten Liebhaberwelt gelandet.

Nach einer Stunde Knarren und Kratzen, unzähliger wohl großartiger Namensnennungen und spannenden Geschichtchen, nahm die rothaarige Frau wieder ihre Gitarre auf und wir wurden auf das herrlichste dafür belohnt, dass wir dem auf uns Bluesbanausen skuril wirkenden Programm standgehalten hatten.

Wieder zu Hause hatte ich mich dann hingestellt und versucht diese wunderbare Frau zu zeichnen. Ich mischte erneut Ölpastell mit Pastellkreide, was nicht wirklich immer gut geht. Diesesmal gefiel es mir aber gerade in seiner Brüchigkeit, mit dem Durchscheinen des Hintergrundes, den Wellen im und den Kratzern auf dem Papier, gibt es doch die Atmosphäre wieder, die ich an diesem Abend empfand.

 

 

 

 

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Myriade sagt:

    Wow, ein gelungenes Bild ! „Lonesome Nighthawk“ 🙂 Sachen gibts 🙂

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    1. Wili sagt:

      Danke, es ehrt mich ein wenig, wenn es dir gefällt. „Lonesome Nighthawk“ ist wirklich ein Unikum von einem Mann 👍

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  2. finbarsgift sagt:

    Was für ein zauberhaft schönes Erlebnis…

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    1. Wili sagt:

      Danke, richtig begriffen wie besonders der Abend war, habe ich es erst im Nachgang und entschieden, im Juli wieder mit dabei zu sein.

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      1. finbarsgift sagt:

        Das klingt fein 🤗

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  3. Das hört sich nach einem großartigen Abend an

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    1. Wili sagt:

      Ja, das war es ☺️

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  4. Alex sagt:

    Es ist erstaunlich, wie schnell Du Fortschritte machst. Nicht nur die Körperlichkeit der Figur, sondern auch ihre Kopf- und Handhaltung, die sehr natürlich wirken. Die Mischung von Kreisen und Pastellen ist zwar unorthodox, aber Verbote gibt es keine. Super!
    LG Alex

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    1. Wili sagt:

      Danke, ich staune auch über mich. Zum einen werde ich mutiger und freier und zum anderem beiße ich mich durch und gebe nicht auf, bis ich eine Lösung gefunden habe. Dabei könnte ich immer noch viel zu viele Stellen aufzählen, mit denen ich nicht ganz zufrieden bin, bzw. die anspruchsvolle Perfektionistin in mir.
      Diese Materialmischung ist auch problematisch und funktioniert nicht wirklich gut. Doch ich mag gerade dieses Morbide, was dadurch entsteht, das Rissige und Verbeulte. Auch ändert sich die Farbwirkung der Pastellkreide dadurch, wird intensiver und kompakter.

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      1. Alex sagt:

        Es hat oft Maler gegeben, die sich ihr Material selbst „erfunden“ haben. Wenn Du Lust hast, schau vielleicht mal bei Jean Dubuffet, Karel Appel oder Yves Klein nach. Wäre gespannt, was Du davon hältst.
        LG Alex

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