Hähnchentajine mit Oliven und Salzzitrone

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Die schwarzhaarige Frau wippte kurz auf ihren Zehenspitzen hoch, um Ute zur Begrüßung in ihre Arme zu schließen. Dann bat sie Ute die Schuhe gegen die bereitgestellten Hausschuhe einzutauschen.

Ute folgte ihr durch den kleinen Flur in eine große Wohnküche. In der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch bereits fertig eingedeckt. Die Küchenmöbel sahen aus, als seien sie erst gestern aus dem Küchenstudio geliefert und aufgebaut worden. Die letzten fünfunddreißig Jahre hatten auf ihnen keine Gebrauchsspuren und keine Patina zurück gelassen. Der Herd, der gerade Töpfe und Pfannen voller marokkanischer Köstlichkeiten wärmte, war ebenfalls erhaben über jeden Fett- und Wasserspritzer. „Bitte, setz dich doch“, forderte ihre Gastgeberin Ute in einem akzentfreiem deutsch auf, zog einen Mopp hinter der Küchentür hervor und wischte bedächtig über das Laminat des Flurs. Dann wusch sie sich die Hände am Küchenbecken und wandte sich den Pfannen und Töpfen auf dem Herd zu. Utes Hilfe lehnte sie freundlich lachend, aber bestimmt ab. Sie arbeitete ruhig und konzentriert, lauschte dabei Utes Worten und hielt deren Redefluss mit kleinen Fragen in Gang. Nach jedem ihrer Arbeitsschritte wischte sie mit dem feuchten Küchentuch um die Töpfe herum und über die Arbeitsplatte. Ehe sie sich zu Ute mit an den gedeckten Tisch setzte, reinigte sie nochmals den Herd, die Küchenkacheln, die Arbeitsplatte und die Spüle.

Das fröhliche Funkeln ihrer Augen ermattete, als sie auf ihrem Stuhl zur Ruhe kam. Schweißperlchen besprenkelten ihr Stirn und Schläfen. Zwei tiefe Furchen gruben sich auf ihre ansonsten faltenfreie Stirn. Wieder einmal züngelten sich beißende Flammen durch ihren Körper. Lächelnd zwinkerte sie Ute zu: „Nimm auch von der Hähnchentajine!“ Diese Schmerzattaken und die Erschöpfung gehörten seit einigen Jahren zu ihrem Leben. Sie kannte sie mittlerweile und wusste sie genau einzuschätzen.  Auch heute würde sie sich nicht von ihnen bezwingen lassen. Nur auf das Essen musste sie verzichten.

Für einen Moment frischte ihr Blick wieder auf, als sie sah, wie genussvoll Ute zulangte und aß. Ja, das konnte sie, die Menschen verwöhnen. Als Gastgeberin war sie in ihrem Element. Zu ihrem vollkommenen Glück fehlte ihr nur ihr Mann an ihrer Seite. Er hatte die Gabe gehabt, sie mit einem kleinen Scherz an den Stuhl zu binden, während er ihr die Arbeit abnahm. Den Feuersturm in ihrem Körper sah er immer schon anrollen, wenn sie ihn noch lange nicht erahnte. Nie hätte sie gedacht, dass dieser kluge und starke Mann, dem sie vor vielen Jahren über das Meer in eine ihr völlig fremde Welt folgte, vor ihr sterben würde. Allah ist groß und weiß was er tut. Sie vertraute ihm. Nochmals schöpfte sie Ute etwas Hähnchenfleisch auf den Teller. Dabei tat sie, als würde sie deren Protest nicht bemerken, lachte laut und plauderte über eine ihrer unzähligen Familienreisen mit dem Auto nach Marokko. Sie waren oft wochenlang durch Frankreich und Spanien bis nach Tanger unterwegs gewesen. Keine Fahrt verlief ohne Pannen oder anderer Abenteuer.

Heute reiste sie nur noch mit dem Flugzeug in ihre kleine Zweitwohnung in der weißen Stadt über dem Meer, wenn sie sich einsam in ihrem deutschen zuhause fühlte.  Nach dem Tod ihres Mannes fühlte sie sich oft hilflos und alleine. Die deutsche Wohnung verließ sie nur noch, wenn ein Arztbesuch anstand oder ihre Freundin Nouria ihre Hilfe brauchte. Doch jetzt war Ute ihr Gast, die Mutter ihres zukünftigen Schwiegersohnes, den sie liebevoll in Safwah, beste Wahl, umbenannt hatte. Sie freute sich darauf, eines Tages ihr Enkelkind in den Armen zu wiegen, mit dessen Geburt sie ganz in Deutschland angekommen sein würde. Mit einem Glas Minztee schob sie Ute in das Wohnzimmer. Sie deckte die übrig gebliebenen Speisen mit Frischhaltefolie ab, ehe sie diese in den Kühlschrank stellte, räumte die Spülmschine ein und wischte den Boden. Dann ließ sie sich neben Ute in das Sofa sinken, nippte an dem süßen Minztee und befand, dass das Leben schön sei.

Hähnchentajine mit Oliven und Salzzitrone

Zutaten für 2 – 4 Portionen

  • 2 Hähnchenbeine, zerlegt in Ober- und Unterkeule
  • die Schale einer eingelegten Salzzitrone
  • ca 10 grüne Oliven
  • 2 Knobluchzehen, geschält und in dünne Streifen geschnitten
  • 2 EL glatte Petersilie, fein gehackt
  • 2 EL Koriandergrün, fein gehackt
  • 1 gestricherner TL gemahlener Kreuzkümmel
  • 1 gestrichener TL gemahlener Koriander
  • 1 gestrichener TL gemahlener Ingwer
  • 1/2 TL Kurkuma
  • 1 Zwiebel geschält und in Streifen geschnitten
  • Saft von einer Zitrone
  • 100 ml Olivenöl
  • Salz und schwarzer Pfeffer

Zubereitung

In einer Schüssel sämtliche Kräuter und Gewürze sowie den Knoblauch mit 50 ml Olivenöl vermischen. Die Hähnchenteile hinzufügen und gut mit der Marinade bedecken,. Die Schüssel abdecken und mehrere Stunden, idealer Weise über Nacht im Kühlschrank kalt stellen.

Ca. 30 Minuten vor Kochbeginn, die Hähnchenteile aus dem Kühlschrank nehmen und auf Zimmertemperatur erwärmen lassen. Das restliche Olivenöl in einer Tajine oder einem Bräter erhitzen. Die Zwiebelstreifen darin knapp 5 Minuten weich dünsten. Dann die Hähnchenteile beifügen und von allen Seiten goldbraun anbraten. Die übrige Marinande, den Zitronensaft und soviel Wasser beifügen, dass die Fleischstücke zu 2/3 bedeckt sind. Den Deckel auf die Tajine oder den Bräter geben und alles eine gute Stunde bei niedriger Temperatur simmern lassen. Ab und zu, wenn die Flüssigkeit verkocht sein sollte, etwas Wasser nachgeben.

Die Schale der Salzzitrone vierteln und gemeinsam mit den Oliven zu den Hähnchenteilen geben. Alles weitere 15-20 Minuten ohne Abdeckung köcheln lassen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit ein wenig Petersilie und Koriandergrün bestreuen. Mit Couscous, Reis, Fladenbrot oder marokkanischen Kartoffelpuffern servieren.

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Meine Tajine könnte ich auch mal wieder entstauben….

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    1. Wili sagt:

      Ja, mach das. Jetzt im Sommer auf der Aussenküche bietet sich das doch an. 😊

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  2. finbarsgift sagt:

    Eine tolle Geschichte
    und ein feines Essensgedicht!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

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  3. Wili sagt:

    Danke lieber Lu. Dir einen sonnigen Montag 🙂

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  4. Zeilenende sagt:

    Geschichten mit Rezepten … Literaturkulinarik vom Feinsten. Du siehst mich hungrig und zufrieden. 🙂

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    1. Wili sagt:

      Ich hatte ein Schreibwochenende *gg*

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