Eine Scheibe Sonntagsbraten

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Heute vor einer Woche zahlte ich sieben Euro Eintritt und betrat bei Detmold eine Welt aus längst vergangenen Tagen. Die Tore der Fachhallenhäuser standen allesamt weit offen.Schubkarren lehnten an den Wänden, ein Misthaufen dampfte. Es roch nach Pferden und Kühen. Die Bentheimer Schweine suhlten im kühlen, tiefen, nassen Schlamm, während die Lakenfelder Hühner auf der saftigen Wiese vor dem Hof nach Regenwürmern suchten. Im Bauerngarten wuchsen Sonnenblumen, Dahlien, Kohl, Salat und seltene Kräuter.  Auf dem nahe gelegenem Feld schoß die westfälische Palme in Reih und Glied gen Himmel. Die halboffenen Ställe in der Halle standen leer, das Vieh befand sich auf den Weiden. Links neben dem großen Eingangstor warteten unzählige Holzschuhe kreuz und quer in den verschiedensten Größen darauf, dass Besucherfüße aus der heutigen Welt in sie schlüpften, um sich sicher über den Lehmboden des Hofes tragen zu lassen. Über der Feuerstelle vor den Stuben räucherten der Speck und die Wurst. Die alten eichenen Truhen waren mit Linnen gefüllt und in der guten Stube tickte die Standuhr unablässig neben dem tannengrünen Biedermeiersofa… Währen da nicht statt Bauer, Bäuerin und Gesinde, das Wach- und Informationspersonal des Museums gewesen und überall die kleinen  mit Erklärungen beschriebenen Schilder, hätte ich geglaubt, ich befände mich auf einer Zeitreise zurück in die Vergangenheit.

Das riesige Areal des Freilichtmuseums umfasst mehr als hundert Gebäude. Gemeinsam haben all diese Bauten, dass sie dorthin umgesiedelt wurden:  Einige waren dem Verfall preisgegeben; andere sollten abgerissen werden. So gelangten Haus und Hof, Stall und Speicher, Kotten, Kapelle und drei Mühlen aus dem Münsterland, dem Wesertal, aus der Senne, dem Mühlenkreis Minden-Lübbecke oder aus dem Sauerland nach Detmold. Morsche Einzelteile wurden ersetzt; Gefache neu ergänzt; Dächer eingedeckt. Schließlich wurden alle Gebäude zeit- und stilgerecht eingerichtet. Gut 100  regionale Nutztiere, die vom Austerben bedroht sind, werden auf dem Museumsgelände gehalten, sowie über 140 Pflanzenarten und -Sorten gezogen.

In regelmäßigen Abständen ziehen Kaltblüter große Planwagen vom Eingangsbereich bis in das Paderborner Dorf und wieder zurück. Besucher, die schlecht zu Fuß sind oder einfach keine Halbtageswanderung in der Museumslandschaft zurück legen wollen, können diesen Shuttle nutzen. Im Paderborner Dorf selber konnte ich dem Bäcker, den Tuchmachern, dem Töpfer und dem Schmied bei der Arbeit zuschauen, im „weißen Ross“ einen westfälischen Pickert essen und ein wenig im Kolonialwarenladen stöbern…

… alles in allem entführte mich dieser Ausflug zurück in meine Kindheit. Ich sah wieder meinen einarmigen Onkel, wie er stolz in seinem kleinen Eckladen stand, ein echter Kramerladen, der alles bot, was die Hausfrau so benötigte, fein sortiert in den unzähligen kleinen und großen Holzschubfächern und -regalen. Und ich erinnerte mich, wie ich stolz vorne auf dem Beifahrersitz des grauen Mercedes Benz saß. Ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt gewesen und durfte Opa Schmahl helfen, die Hühnereier zu verkaufen, die wir kurz zuvor im Hühnerstall aufgelesen hatten und die jetzt ruhig in dem großen Korb auf meinem Schoß lagen. Es war immer mit das Größte für mich, wenn ich bei Oma und Opa Schmahl auf dem Bauernhof bleiben durfte. Damals liebte ich alle „Arbeiten“, sei es das Stall ausmisten, das Melken, das Schweine oder Hühner füttern, das Mähdreschen, die Kartoffelernte, das Unkraut jähten oder das Kochen gewesen. Für mich war alles Spiel und ich brauchte niemals etwas über meine Belastungsgrenzen hinaus  tun. So erfuhr ich nichts von der Härte der bäuerlichen Kinderarbeit, der derzeit eine Sonderausstellung im  Freilichtmuseum gewidmet ist, sehnte mich aber plötzlich nach dem leckeren sonntäglichen Rinderschmorbraten von Oma Schmahl.

Doch so ein Schmorbraten wünscht sich viele Esser am Tisch. Die gibt es bei mir nicht. Einen fertigen Braten portioniert einzufrieren sagte mir auch nicht zu. Schließlich bin ich keine große Fleisch- und schon garkeine Bratenesserin. So entschied ich mich einfach nur eine Scheibe Rindfleisch zu schmoren.  Dabei ging ich klassisch vor:

Eine Scheibe Sonntagsbraten

Zutaten

  •  200 g Rinderschmorfleisch am Stück
  • 15 g Speck
  • 1 EL Olivenöl
  • 1 kleine Möhre
  • 1 kleine Zwiebel
  • 1 kleines Stück Lauch
  • 1 kleines Stück Sellerie
  • 1 TL Tomatenmark
  • 1 Schuss Portwein
  • 250 ml Wasser
  • 4 Wachholderbeeren
  • 1 kleines Lorbeerblatt
  • 3 Pimentkörner
  • 1/2 TL getrockneter Majoran
  • Salz und Pfeffer
  • 1 EL saure Sahne

Zubereitung

Das Fleisch waschen und trocken tupfen. Das Gemüse putzen und in sehr kleine Stücke schneiden. Die Gewürzkörner grob zerstoßen.

In einem Schmortopf das Olivenöl erhitzen und den Speck darin auslassen. Das Rindfleischstück von beiden Seiten darin anbraten und beiseite legen.

Die Brunois anbraten. Das Tomatenmark unter die Gemüsestückchen rühren, mit Portwein und Wasser ablöschen, die Gewürze und schließlich das Fleisch hinzufügen. Den Deckel auf dem Topf geben und alles 1 1/2 Stunden bei kleiner Hitze schmoren lassen. Gelegentlich das Fleischstück wenden und evtl. Flüssigkeit nachgeben.

Das Fleischstück, wenn es jetzt zart und mürbe ist, herausheben und warm stellen. Die Brunoise über einem Sieb ausschütten und ausdrücken, dabei den Sud auffangen. Diesen in den Topf zurück geben und kräftig einkochen lassen, die Sahne unterheben und evtl. nochmals abschmecken.  Fertig.

Dazu gab es einfach ein paar Kartöffelchen, die wunderbar das leckere Sößchen aufnahmen und einen frischen Salat mit Ringelbete, Estragon, Sauerampfer, Zwetschgen und Sekanjabinsirup

 

 

 

7 Kommentare Gib deinen ab

    1. Wili sagt:

      ja, danke, das war es 🙂

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  1. Ira Moritz sagt:

    Ja genau! Und der Salat ist so hübsch bunt auch die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Ich bin nämlich ebenfalls auf dem Land aufgewachsen in Norddeutschland.

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    1. Wili sagt:

      Der Salat war auch sehr lecker, da hätte ich fast auf das Fleischstück verzichten können 😉

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  2. Hach, das war jetzt ein Ausflug in selige Kinderzeiten, den du herrlich geschildert hast! Das weckt Erinnerungen an so schöne Kindertage auf dem Bauerhof von Nachbarn meiner Tante, bei denen ich in den Sommerferien das vierte Kind war, hihihi! Herrlich!
    Und der feine Schmorbraten paßt da herrlich zu, ich mag ihn sehr gerne! Aber lohnt sich wirklich nur für viele am Tisch, stimmt, da ist die Idee mit der einen Scheibe echt klasse! Sieht sooooo lecker aus, alles!
    Lieben Dank und liebe Grüße
    Monika.

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    1. Wili sagt:

      Schön, dass du ähnliche Kindheitserlebnisse hast. Das freut mich sehr, liebe Monika

      Gefällt 1 Person

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