6. Buchdate mit: Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green

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Wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende luden zum 6. Buchdate ein, das sie unter dem Motto „Kinder- und Jugendbücher“ ausriefen und ich entschied mich wieder einmal mit zu machen. So kam es, dass mir ein Bestseller von Jule (Blaubermuffins machen glücklich) vorgestellt wurde, der mir bisher nicht begegnet war. Gemeinsam zogen wir uns auf ein Sofa zurück, um schnell festzustellen, dass es interessant, nicht aber wirklich behaglich mit uns werden würde. Zugegeben, ich bin keine Jugendliche und bewege mich auch sonst eher entfernt vom Mainstream. Zudem ist Kunst auch immer eine Frage des Geschmacks. So fragte ich mich schnell, wie eine derart offensichtlich konstruierte Geschichte ein solcher Renner werden konnte.  Diese Frage wiederum packte mich. Ich beschäftigte mich dann doch mit diesem Werk ein klein wenig mehr als mit der Literatur, in die ich mit Leichtigkeit genussvoll eintauchen kann.

Im Herbst 2012 erschien der Jugendroman, der die Liebesgeschichte zweier an Krebs erkrankter Jugendlicher erzählt, die sich in einer Selbsthilfegruppe Kennen lernen, auf dem Buchmarkt. Zu diesem Zeitpunkt war John Green bereits ein Starautor, ein erfolgreicher Entertainer unter der Autorenschar. „Eine wie Alaska“ und „Margos Spuren“ gingen seinem 4. Roman äußerst erfolgreich voraus. Geschickt, ebenso wohl durchdacht und kalkuliert wie ich seinen Roman empfand, setzte J. Green seine Marketingstrategie auf. Er kündigte die Veröffentlichung seines 4. Buches präzise an, ohne etwas über dessen Inhalt zu veräußern und versprach zudem jedes vorbestellte Buch zu signieren So füllte „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ bereits vor seiner Veröffentlichung die ersten Ränge der Bestsellerlisten. Doch dieser Hype wäre sicherlich schnell verebbt, hätten die Leser*innen in Stil und Inhalt der Geschichte nicht wenigstens das gelesen, was sie sich erhofft hatten. Die Erwartungen wurden übertroffen, das Buch erfolgreich verfilmt und 2013 neben weiteren Würdigungen mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 

In einem Zeit-Interview vom  November 2012 kokettiert J. Green, dass er eigentlich und genau wie die Romanprotagonistin Hazel, die uns die Geschichte erzählt, Krebsbücher hassen würde. So, wie er dennoch unheilbare Krebserkrankungen als alles beeinflussende Gegebenheit für seine Protagonisten wählt, ist ausgerechnet ein „Krebsbuch“ Hazels Lieblingsbuch und schlussendlich Dreh- und Angelpunkt der ganzen Erzählung. Denn das Ende des Buches im Buch konfrontiert Hazel und ihren Freund Gus (Augustus) auf  eine für sie unerträgliche Weise mit der eigenen, absehbaren Endlichkeit. Die Icherzählerin, mit der sich Hazel gut identifizieren kann, bricht einfach mitten im Satz ab. Das Buch ist zu Ende…  Hazel, kann dieses Ende nicht akzeptieren. Sie muss wissen, wie das Leben der weiteren Figuren in diesem Buch weiter gegangen ist. Sie selbst ist an metastasierendem Schilddrüsenkrebs erkrankt. Ihr ständiger Begleiter ist die Sauerstoffflasche. Ihr Leben hängt an einem fiktiven Medikament, das sich in der Testphase befindet. Gus leidet an Knochenkrebs, ihm wurde ein Bein amputiert.  Er setzt seinen „Herzenswunsch“ schließlich dafür ein, um mit Hazel zu dem in Europa lebenden Autor Peter van Houten zu fliegen, um Antworten auf Hazels Fragen zu bekommen. Doch Peter van Houten erweist sich als ein rüpelhafter Mensch, der die beiden unbarmherzig ehrlich und frei von Mitgefühl abweist.

In dem bereits erwähnten Interview äußerte J. Green Verständnis dafür, dass sich das Ende eines Buches wie ein Tod anfühlen könne und Leser sich ein Leben nach dem Tod, nach der letzten Seite wünschen. Die Figur Peter van Houten bezeichnet er als sein Alter Ego seiner Albträume. Das ist ein Kunstgriff, der mir gefällt. John Green lebt in Peter van Houten aus, was er sich in Realität seinen Mitmenschen und Leser*innen gegenüber niemals erlauben würde. Denn wenn er auch grundsätzlich die Haltung seines fiktiven Autors teilt, so wäre er doch immer bemüht, diese einfühlsam und annehmbar zu vertreten. 

Die Charaktere, die J. Green mit Hazel und Gus erschuf  sind liebenswert, ihre Dialoge sind pointiert und teilweise sarkastisch. Grundsätzlich war das Buch gut und eingängig für mich zu lesen, ich mochte den leichten, metapherreichen Schreibstil. Bei aller fast unerträglichen Tragik, bei den großen Emotionen wahrte er immer eine sachliche Distanz, nutzte einen leichten Humor und milden, aber mir nachvollziehbaren Sarkasmus, um abzufedern. Damit driftete die Erzählung an keiner Stelle in Banalität oder Kitsch ab. Unangenehm empfand ich, dass J. Green die Krankheitsverläufe der beiden Protagonisten derart konstruiert verlaufen lässt, dass sie in seine vorgesehenen Handlungsstränge passen. Hier hätte ich mir etwas ehrlicheres und realistischeres gewünscht.  Zumal er ja ständige bemüht bleibt bei aller Fiktion möglichst authentisch und realistisch zu wirken. Auch der kleine Ausflug in das Anne Frank Haus hätte meinetwegen nicht sein müssen. 

Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ endet nicht mitten im Satz. Hazel kann die Geschichte zu Ende erzählen, in der sie lernte Narben zurück lassen zu dürfen. Zu Beginn ihrer Erzählung war sie überzeugt, möglichst unscheinbar und zurückgenommen Leben zu müssen, um mit ihrem unausweichlich frühen Tod möglichst wenig Wunden zu reißen. J. Green lässt sie eine Geschichte über die erste große und zugleich letzte Teenieliebe erzählen, gespickt mit existenziellen Gedanken über das Leben, dessen Sinn und Bedeutung und über Lebensqualität. Die Krankheit Krebs nutzt er dabei, um dem Ganzen Tiefe und Dramatik einzuhauchen.  Dabei hatte Jostein Gaarder es schon vorgemacht, wie man philosophische Themen frei von dem Vehikel einer lebensraubenden Krankheit attraktiv und spannend  beschreiben kann.

Dieser Link führt euch zu den weiteren Buchdaterezensionen.

Weitere Links werde ich nachträglich einfügen.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Zeilenende sagt:

    Es ist ja gemein, andere Autoren mit Jostein Gaarder zu vergleichen … *gg* Die Konstruiertheit solcher Schicksals-Erzählungen ist ein grundsätzliches Problem, finde ich. Vor allen Dingen im Jugendbuch. Ich kann verstehen, dass das für junge Leser wichtig ist, um die Orientierung nicht zu verlieren. Ich ziehe aber meinen Hut davor, dass du das Buch trotzdem nicht kitschig nennst. Konstruiertheit ist für mich nämlich ein typisches Kitsch-Merkmal.

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    1. Wili sagt:

      Stimmt das war gemein, wer aber mit einem philosophischen Anspruch kokettiert muss sich das gefallen lassen. Wenn du konstruiert als wesentliches Merkmal für kitschig setzt, dann ist das Buch unerträglich kitschig. Und letztendlich sind der gut kalkulierte Herzschmerz und diese „überraschende“, schmerzliche Wendung schon doch auch klassischer Kitsch, verpackt in einer gefälligen Sprache.

      Gefällt 1 Person

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