7. Buchdate – Supergute Tage

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Bei diesem letzten Buchdate 2017 machte floreca es mir schwer mit ihren Buchempfehlungen, aber für sie schien es ja auch keine einfache Aufgabe gewesen zu sein, mir etwas zu empfehlen. Schließlich stellte sie mir folgende 3 Werke zur Auswahl, die ich alle noch nicht gelesen hatte:

  • Tonke Dragt – Die Türme des Februar, mit der Bitte ihr bei der Suche nach dem Wort behilflich zu sein, das „Thomas“ auf das Rätsel der Türme brachte…       Ich begab mich erst vor Kurzem auf diese Wortsuche, habe es noch nicht gefunden, aber gebe es auch bis zum letzten Punkt nicht auf, versprochen.
  • Mechthild Gläser – Die Buchspringer. “ Eine Herzensangelegenheit“ bei der es passend für das Buchdate um Bücher gehen würde…    sprach mich jetzt nicht so wirklich an.
  • Mark Haddon – Supergute Tage. „Der Krimi“, der eigentlich kein Krimi ist, aber ein kleines, liebreizendes Büchlein,  bei dem floreca es kaum ertragen könne, wenn es jamanden gäbe, der es noch nicht gelesen habe…     und wie bitte schön sollte ich der mir unbekannten Buchempfehlerin während der grauen Novemberzeit, kurz vor der besinnlichen Adventszeit solches antun können?       

Also begab es sich, dass ich Christopher Boone kennen lernte.

In dem Film Mr. Holmes (2016, Regie Bill Condon) sagt der über neunzigjährige, senile Holmes „Oh, ich kann nicht sagen, ob ich je um jemanden getrauert hätte… ich konzentriere mich auf die Umstände, wie ist jemand gestorben und wer war dafür verantwortlich. Tod, Trauer, Schmerz, das ist alles erträglich. Logik ist selten. Deswegen bleibe ich bei der Logik“.  Christopher Boone, die Figur, die  Mark Haddon diesen „Krimi“ schreiben läßt, verehrt Sherlok Holmes. Denn auch er orientiert sich an logischen Systemen, um Sicherheit im Leben zu gewinnen. Emotionen, Affekte und Mehrdeutigkeiten hingegen kann er schwer deuten. Als er 15 Jahre, 3 Monate und 2 Tage alt war, sah er um 7 Minuten nach Mitternacht den Pudel der Nachbarin mit einer Mistgabel durchstochen in deren Garten liegen, ging zu ihm, streichelte ihn, überlegte, wer ihn wohl getötet haben könne… und entschloß sich 1. die Antwort auf seine Frage zu finden und 2. sein Vorgehen in Form eines Kriminalromans niederzuschreiben.

Christopher Boones Denk- und Gefühlswelt weicht vom Gewöhnlichem ab. Auf mich wirkt es eigenartig, wie er Informationen aufnimmt, verarbeitet und dann darauf reagiert. Er hat gehört, dass er anders ist und kann leider seitenlang wiedergeben, was Ärzte; Betreuerinnen und weitere Experten über ihn sagen, doch er findet dabei keinen direkten Bezug und Zugang zu sich selber. Der Erfinder von Christopher Boone, Mark Haddon, hingegen scheint alles intensiv recherchiert und sehr gut überlegt zu haben. Im Klappentext heißt es, Christopher habe eine leichte Form des Autismus, in der Geschichte wird an keiner Stelle irgendeine Diagnose erwähnt.

Immer und immer wieder unterbricht Christopher Boone seine Erzählung, weil er meint, er müsse dem Leser sein Denken und Handeln erklären. Trotz seiner Erläuterungen blieb mir seine Wahrheit über weite Strecken schwer zugänglich.  „Liebreizend“ fand ich das alles nicht und ich bin mir auch nicht sicher, ob wirklich jeder dieses Buch gelesen haben muss. Es ist eher ein Werk, das spielerisch und unterhaltsam in das Thema Autismus / Asperger Syndrom einführen möchte. .

Christopher Boones forderte mich. Zwischendurch war ich echt verzeifelt, und hätte das Buch am liebsten vom e-Reader gelöscht, um mich „Den Türmen des Februars“ zuzuwenden  Denn er nahm nicht nur unzählige Details wahr, sondern erwähnt eine Vielzahl davon, immer zielsicher am Wesentlichen vorbei, weil er eben so anders denkt und empfindet. Er selbst leidet schnell an Reizüberflutung und reagiert körperlich darauf. Deshalb sind ihm Routinen wichtig. Seinen „logischen“ Systemen, die ihm Sicherheit bieten, kann ich schwer folgen. Beispielsweise steht für ihn die Farbe Rot für positives und die Farbe Gelb für negatives.  Wenn er dann morgens vier gelbe Autos sieht, isst er nichts und redet den ganzen Tag mit niemanden, weil es dann ein schwarzer Tag sei. Er begeistert sich für Mathematik und kann sich kapitellang darüber auslassen, wie er komplizierteste Gleichungen löst… fast wirkt es genial und bewundernswert. Ohne Trauer oder Schmerz hingegen nimmt er es dann aber an, dass seine Mutter plötzlich gestorben sein soll und hinterfragt nicht, dass es keine Beerdigung gab und auch kein Grab … Ich versuchte mit meinen „Kognitionen“ zu verstehen und es gelang mir erst ihm ein wenig näher zu kommen, als ich von Meinem los und mich auf Seins einließ (eine Fähigkeit, die ihm fehlt).

Dieses Ringen mit der Erzählweise des Christopher Boone dauerte die erste Hälfte des Buches, lohnte sich aber. Denn danach wurde es auch für mich ein spannender Lesegenuss, bei dem ich miterleben konnte, wie dieser Junge von großer Angst getrieben seine gewohnte und sichere Umgebung verläßt, alleine mit dem Zug nach London reist, seine Ratte verliert und sich mit der Farbe Gelb wenigstens ein bisschen anfreunden kann. Es spielte für mich keine Rolle, dass die beschriebenen Ereignissen wenig glaubwürdig zu sein schienen.

Am Ende blieb bei mir dann eine Traurigkeit zurück. Ich hatte doch wieder anders mit ihm mitgefiebert als er selbst. Christopher Boone gelang es, seine aus den Fugen geratene „autistische Welt“ wieder zu ordnen. Doch es gelang ihm nicht, sie ein Stück zu überwinden, sich in Beziehung zu sich selbst und zu seiner Umwelt weiter zu entwickeln (was er ja auch nicht vermisst). Bei aller Fiktion blieb der (Kriminal)Roman an dieser Stelle realistisch und schenkt mir kein märchenhaftes, vorweihnachtliches Happy End. Wurde bei der letzten Buchdateempfehlung, die ich las, eine Krankheit eingesetzt, um einer ersten Liebe Tiefe und Dramatik zu verleihen, so wird hier das Genre Dedektivroman genutzt, um über ein spezifisches Krankheitsbild aufzuklären. Die 15jährige Wili, die Erziehungswissenschaften als Leistungskurs wählte, hätte dieses Buch mit Begeisterung verschlungen. Auch kann ich mir gut. vorstellen, dass dieses Buch gerne im Unterricht eingesetzt wird, quasi als warm up, ehe sich fachlich mit autistischen Störungsbildern und Inklusion beschäftigt wird.  Sämtliche Symptome und Kriterien einer möglichen autistischen Störung werden aufgeführt und konsequent aus eben dieser neurologisch besonderen Perspektive heraus beschrieben. Das ermöglicht einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf das Geschehen. Die weiteren Figuren des Buches bleiben nachvollziehbar schwach ausgearbeitet, Wirkt die Charakterisierung des Christopher Boone auf mich sehr gelungen und glaubwürdig, bleiben die Ereignisse doch eher fantastisch. Sie bilden lediglich den rahmenden Hintergrund für ein klares Portrait eines ungewöhnlichen Jugendlichen, der große Schwierigkeiten mit sozialen Interaktionen hat.

 
 

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hm, das Thema interessiert mich aktuell auch, aber bei dir klingt das Buch jetzt nicht so überzeugend. Ich werde es mir wohl trotzdem mal genauer anschauen. Schön, dass du mit gemacht hast.

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    1. Wili sagt:

      Wenn dich das Thema interessiert, wird es dir Zusagen. Es ist konsequent aus der autistischen Perspektive geschrieben …

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      1. Ist bestimmt nicht leicht zu lesen – ich guck mal

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  2. Mrs Postman sagt:

    Super Besprechung. Diesmal waren die Empfehlungen für so manchen Leser ziemlich sperrig, habe ich das Gefühl.

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    1. Wili sagt:

      Das kann passieren. Es lag aber an mir und meiner Erwartung. Ich hatte den Klappentext nicht gelesen und erwartete spannende Unterhaltung und keine Konfrontation mit einer autistischen Realität.

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